Henry Wadsworth Longfellow

Der Turm von Brügge - Das Glockenspiel

In dem guten alten Brügge,
In der schmucken fläm’schen Stadt,
Hört ich bei des Abends Sinken
Glocken von dem alten Turm
Schaurig süß zusammenklingen,
Wechselvoll wie Liedersturm,
Leis und mild, dann laut und bang,
Brautlied nun, dann Grabgesang,
Tönt es von dem Turm am Markte,
In der guten Altstadt Brügge.

Als es durch die Dämmerungen
Wie ein Sehnsuchtshauch verklungen,
Antwort dröhnend gab die Uhr;
Elf schlugs mit bedächt’gem Streiche,
Aus dem lichten Sternenreiche
Schweigen sank auf Stadt und Flur.
Tiefer Friede überall,
Auf der Erd’ wie in den Lüften,
Lämpchen glühn noch wie in Grüften;
Manchmal eines Trittes Schall
Unterbricht des Schweigens Pause,
Weckt ringsum den Widerhall,
Wenn ein Bürger lehrt nach Hause, —
In der alten fläm’schen Stadt,

Aus unstetem Schlaf erwacht
Hört ich’s träumerisch erklingen,
Stund’ auf Stund’ mir Kunde bringen
Vom verstohlenen Schritt der Nacht.
In manch schnell verrauschend Bild
Stahlen sich die Töne mild,
Klangen leis, als gleich den braunen
Banden der Zigeuner Träume
Reigenschlingend mich umgaben,
Boten aus dem Land der Wonnen,
Die von Seligkeit uns raunen
Und an der Verzückung Bronnen
Ihre goldne Schwelle haben.
Alles andre schien entschlafen
In der Stadt der fläm’schen Grafen.

Und ich dacht, dem Klang der Glocken
Glich des Dichters luft’ge Weise,
All sein Klagen und Frohlocken,
Donnerlaut und zephyrleise
All die wonnigen Phantasten,
Die im Melodiensturme
Hoch von seines Geistes Turme
Ob umsonst auch ihre Kreise
Um Palast und Hütten ziehn.
Nachts verschläft sie unser Ohr
Hinter der Gardinen Flor,
Tags zieht jeder seiner Wege,
Ohne dass der Ton sein Herz
Mehr erschütt’re und errege
Als der hohle Klang von Erz.

Doch vielleicht, wenn Lärm und Streit
Tagesarbeit ist verklungen,
Kommen durch die Einsamkeit
Kleiner Stübchen sie gedrungen;

Bis, was ihm die Zeit geraubt,
Mancher Träumer die verlorne,
Seiner Jugend Seligkeit
Aus des Dichters Liederborne
Rauschen hört in stiller Lust,
Oder doch zu hören glaubt
Und ihm Sehnsucht schwellt die Brust;
Bis ihm tröstend durch den Schlummer
Heimatsglocken klingen traut,
Dem Erwachten süßer Kummer,
Träne lind das Aug’ betaut.

Also träumt’ ich, da bei Nacht
Ich im „Fleur-de-Ble“ erwacht,
Und es nahm mit Lust und Bangen
Jener Ton vom alten Turm
Mich, den Lauschenden, gefangen,
In der alten fläm’schen Stadt.